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Der „Highlander“- oder „Es kann nur einen geben“-Irrtum

Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho (2001) schreibt in seinem „Handbuch des Kriegers des Lichts“ folgende Weisheit in einer kleinen gleichnishaften Geschichte:

Ein Krieger des Lichts teilt sein Wissen über den Weg mit den anderen. Wer hilft, dem wird immer geholfen werden, und er sollte das weitergeben, was er gelernt hat. Daher setzt er sich ans Feuer und erzählt von seinem Kampfestag. Ein Freund flüstert: „Warum sprichst du so offen über deine Strategie? Siehst du nicht, daß du Gefahr läufst, deine Siege mit anderen teilen zu müssen?“ Der Krieger lächelt nur und antwortet nicht. Er weiß, dass, wenn er am Ende des Weges in einem leeren Paradies anlangt, sein Kampf nichts wert war.

Zusammen sind wir stark.Dies scheint ein nahezu revolutionärer Gedanke zu sein, der vorgibt, nicht der persönliche alleinige Sieg sei das Ziel – der Sieg also, der die Niederlage aller anderen Mitstreiter mit einschließt, ja sogar notwendig macht und voraussetzt. Sondern: Der alleinige Sieg ist aus übergeordneter Perspektive nichts wert, wenn er zum Ausschluss, zur Monopolisierung führt und nicht dazu dient, auch die ‚Anderen’ mitzunehmen. Wenn der Blick weiter aufs Ganze gerichtet bleibt, wird zudem deutlich, dass auf der Seite der „vom Sieg Ausgeschlossenen“ durchaus eine ambivalente wenn nicht sogar widerständische Energie den Fluss zum gemeinsamen Ziel blockieren kann, weil es am Ende das Scheitern des Siegers braucht, um sich zu rehabilitieren oder selbst zum Sieg zu gelangen.

Es ist genau diese Dualität von Sieg und Niederlage („Es kann nur einen geben“ nach dem Highlander Slogan des gleichnamigen Films aus den 90ern), die einen Irrtum überall da darstellt, wo nachhaltige Entwicklung und Wachstum gewünscht werden. Ein Sieg um des Sieges willen, der zudem den Ausschluss bzw. die Niederlage des anderen braucht, um ein Sieg zu sein, schließt die Angst vor der Konkurrenz sowie vorm eigenen Scheitern mit ein. Dies verhindert das Bewusstsein, dass der wahre Platz ohne Konkurrenz ist, wenn er denn dem inneren Vermögen entspricht und nicht nur dem äußeren Schein. Letzten Endes geht es doch bei jedem Einzelnen – zunächst ganz gleich welcher Platz – um das Erleben eines gleichwertigen, wertgeschätzten und respektierten Zusammenwirkens im Ganzen. Dabei ist es gleich ob dieses Ganze ein Unternehmen, eine Beziehung, eine Familie, eine Partei oder sogar der eigene Körper ist. Alles Systeme, in denen es Ähnliches zu lernen gilt: Wir sind immer Teil eines Ganzen und mit allem verbunden, sodass es nur wünschenswert sein kann, dass jeder – ohne Wertbewertung (Wer ist der Bessere bzw. Beste) – nach seinen Potentialen und Vermögen mitgestaltet und mitträgt. Natürlich muss geklärt sein, wer welchen Platz und die damit verbundenen Aufgaben übernimmt. Nehmen wir das naheliegende Körperbeispiel, was ja nun alle Menschen als Basis der Eigenerfahrung wie -verantwortung gleichstellt. Der Kopf ist der Kopf, das Herz das Herz etc. Es wäre fatal, wenn das jederzeit neu diskutiert werden müsste oder das Herz rebelliert, weil es Kopf sein möchte. Für das Erreichen von Zielen, die eine Linie von Kraft voraussetzen, um mehr sein zu können als die Summe der einzelnen Teile, wäre das ein klares K.O.-Kriterium. Ich bin mir zudem auch gar nicht sicher, ob das Herz wirklich die Aufgaben des Kopfes haben möchte. Sicherlich aber die Balance und ausgewogene Gleichwertigkeit zum Rest des Ganzen. In der Gleichwertigkeit nämlich kann jeder stolz auf das sein, was er ist und vermag und dem anderen seine Potentiale zugestehen („Wow, tolles Herz und wie kraftvoll es schlägt! Für mich als Kopf aber keine Option.“). Diese respektzollende Freiheit ist durch das Bewusstsein geprägt, dass wir alle in einem Boot sitzen und nur dann leicht ans Ziel kommen, wenn wir in die gleiche Richtung rudern.

Wir müssen also lernen, uns wieder als einen Körper zu begreifen und darin eine Linie von Kraft zu sein – ein Unternehmenskörper z.B., aber auch ein Welten- und Erdenkörper, der nicht nur überleben will, sondern gesund, glücklich und entwicklungserfolgreich leben will. Jeder Mensch ist dabei wie eine Zelle, in der das Wissen und die Information des Ganzen steckt, wie auch seine spezielle Aufgabe, die sowohl persönlichen Lebenssinn wie auch Sinn fürs Ganze verleiht. Von der gedachten Bedeutsamkeit des alleinigen Siegers also zur gespürten Verantwortung und Sinnhaftigkeit desjenigen, der seiner Bestimmung als Kopf, als Herz, als Hand oder, oder, oder …. folgt. Eine Sinnhaftigkeit, die dann vor allem erst in dem gemeinsamen Zusammenwirken und Bewirken nachhaltig erlebbar wird.

 

Es kann nicht nur einen geben, dann macht das Ganze keinen Sinn. Aber es macht immer Sinn, mit dem, was man vermag, als heile Zelle eines noch größeren Ganzen und als Vorbild voranzugehen!

Der „Highlander“- oder „Es kann nur einen geben“-Irrtum
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